Hypospadie bei Erwachsenen
Aus eigener klinischer Erfahrung in
der Urologie zeigt sich, dass manchmal eine (besonders distale) Hypospadie
vorliegt, ohne dass der Mann sich einer „Fehlbildung“ bewusst gewesen oder aber
jemals der Wunsch nach Korrektur bestanden wäre. Andererseits finden sich immer
mehr Männer im jungen oder auch fortgeschrittenen Alter, bei denen die Diagnose
Hypospadie entweder übersehen, ignoriert oder als nicht behandlungsbedürftig
eingestuft worden war, jedoch später der Wunsch nach Korrektur erwachsen ist.
Unserer Meinung nach hat der Mann ein Recht auf einen kosmetisch und funktionell
möglichst normalen Penis. Deswegen ist der Wunsch oder das Bestreben nach
Korrektur der Hypospadie im Erwachsenenalter nicht anders zu bewerten als im
Kindesalter. Der Hauptunterschied ist, das im frühen Kindesalter die Eltern für
den Patienten entscheiden und im Erwachsenenalter der Patient selbst
entscheidet.
Im Prinzip gelten beim Erwachsenen dieselben Prinzipien bei der Korrektur der
Hypospadie wie beim Kind. Die Datenlage in der Literatur der Hypospadie beim
Erwachsenen ist jedoch dürftig. Prospektive Studien fehlen vollständig. Wie beim
Jungen besteht beim Mann die Korrektur der Hypospadie in der
Behandlung/Behebung:
-
Der Fehlmündung der Harnröhre
-
Der Penisschaftverkrümmung /
Torsion (zumeist kongenitale narbige Chordae)
-
Der dorsalen Vorhautschürze mit
fehlender ventraler Vorhaut
Die operativen Techniken sind
dieselben wie beim Jungen. Bei distalen Hypospadien werden die Verfahren nach
MATHIEU oder SNODGRASS in der Mehrzahl der Fälle Anwendung finden. Bei
ausgeprägten Hypospadien finden aufwändigere Verfahren, wie zum Beispiel der
lateral based flap nach HADIDI, das DUCKETT-Verfahren oder die Operation nach
SNODGRASS Verwendung. Die Operation kann einzeitig (eine Operation) oder
mehrzeitig (zwei oder mehrere Operationen) angelegt sein. Die Entscheidung wird
individuell getroffen, je nach Grad der Verkrümmung, Vorhandensein von Vorhaut,
Grad der Hypospadie, Erfahrung des Operateurs, Qualität der Haut, Voroperationen
und vielem mehr.
Obwohl bei der Operation dieselben Prinzipien gelten, gibt es doch bei
Erwachsenen Besonderheiten:
-
Verwendung von stärkerem
Nahtmaterial. Der erwachsene Penis ist viel stärker durchblutet. Bei
Erektion wirken stärkere Kräfte auf die Wunde als beim Knaben. Der
Harnstrahl des Erwachsenen ist stärker und der Druck auf die neue Harnröhre
größer.
-
Rasur vor der Operation. Wichtig
ist die zeitige Rasur vor der Operation und gute Waschung/Desinfektion
präoperativ.
-
Die großzügigere Verwendung von
Blasenkathetern und suprapubischen Kathetern (Cystofix) und Verbänden. Die
Angst vor Infektion (und damit Wundheilungsstörung) ist beim Erwachsenen
größer. Man wird deswegen eher versuchen, das Wundgebiet „trockenzulegen“ um
einer Infektion durch Feuchtigkeit/Harn vorzubeugen.
-
Längerer stationärer Aufenthalt.
Die längere stationäre Behandlung des Patienten bewirkt weniger körperliche
Aktivität und dies scheint den Heilungserfolg zu unterstützen.
-
Großzügigere Gabe von
Antibotika. Auf alle Fälle sollen Antibiotika gegeben werden, solange der
Blasenkatheter liegt. 7 bis 10 Tage werden sie in der Regel verabreicht.
-
Das operative Ergebnis ist stark
davon abhängig, dass dem Penis nach der Operation genügend Zeit zur Heilung
gegeben wird. Diese Zeit wird in der Regel ungefähr 4 Wochen sein. Während
dieser Zeit soll möglichst Erektion und Manipulation verhindert werden.
Geschlechtsverkehr ist zu unterlassen. Das bedarf großer Motivation beim
Patienten und kann medikamentös unterstützt werden. Androkur® senkt die
Libido. Benzodiazepine (Truxal®, Valium®) verhindern die Erektion.
-
Die Komplikationsrate beim
Erwachsenen ist höher als beim Kind. Die Wundheilung beim Kind ist ideal.
Wundheilungsstörungen und Infektion beim kindlichen Penis sind eine
Seltenheit. Beim Erwachsenen treten mehr Infektionen, mehr
Wundheilungsstörungen, mehr Fisteln und mehr Stenosen (Harnröhrenengen) auf.
Die Wahrscheinlichkeit mehrerer Operation ist höher. Beim Erwachsenen müssen
natürlich Begleiterkrankungen in die therapeutische Planung einbezogen
werden.
Die meisten Studien beschäftigen
sich mit den psychosozialen und psychosexuellen Folgen der Hypospadie. Nur sehr
wenige Arbeiten beschäftigen sich mit der chirurgischen Technik und dem
operativen Erfolg.
1994 berichtete Li aus China von 113
jugendlichen oder erwachsenen Patienten. Damals wurde als Harnröhrenersatz
Blasenschleimhaut verwendet, eine heute nur noch sehr selten angewendete
Methode. 88% der Patienten hatten nach nur einer Operation ein funktionell und
kosmetisch „befriedigendes“ Ergebnis. Die spricht sehr für die Qualität der
chinesischen Chirurgen.
Der berühmte Urologe Hensle aus New
York berichtet 2001 von seinen Erfahrungen mit der Chirurgie der Hypospadie beim
Erwachsenen. Er unterteilt die Patienten in 3 Gruppen: a) noch nicht
voroperiert, b) voroperiert, aber gesunde Penishaut und 3) voroperiert und
schlechte Wundverhältnisse. Er beschreibt höhere Komplikationsraten (38 bis
64%). Der Langzeiterfolg ist aber mit 88% angegeben und somit sehr ermutigend.
Sharma aus Indien beschreibt 2005 seine Ergebnisse mit dem Verfahren nach
SNODGRASS bei 13 Erwachsenen und kommt ebenfalls zu sehr schönen Ergebnissen.
Verfolgt man die Diskussion, betrachtet man Patientenanfragen und beobachtet man
die Diskussion im Internet, wird man ein großes Interesse an der Hypospadie des
Erwachsenen feststellen. Der Wunsch nach dem normalen Penis ist verständlich.
Prinzipiell unterscheiden sich die kindliche und erwachsene Hypospadie nicht.
Die Korrektur folgt denselben Prinzipien. Die Literatur und eigene Erfahrungen
zeigen jedoch, dass die Komplikationsrate beim Erwachsenen höher liegt. Dies
muss beim ärztlichen Beratungsgespräch diskutiert werden
Literatur
Li LC, Zhang X, Zhou SW, Zhou XC, Yang WM, Zhang YS. Experience with repair of
hypospadias using bladder mucosa in adolescents and adults. J Urol.
1995;153:1117-9
Hensle TW, Tennenbaum SY, Reiley EA, Pollard J. Hypospadias repair in adults:
adventures and misadventures. J Urol. 2001;165:77-9
Sharma G. Tubularized-incised plate urethroplasty in adults. BJU Int.
2005;95:374-6
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